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Analysen·Modell erklärt·7 Min. Lesezeit

Was ist eigentlich ELO? Das Herzstück unseres Modells erklärt

Wer unsere Vorhersagen liest, stolpert ständig über drei Buchstaben: ELO. Die Zahl dahinter ist der wichtigste Einzelfaktor unseres Bundesliga-Modells - und gleichzeitig einer der elegantesten Tricks der Sportstatistik. Zeit, ihn einmal in Ruhe zu erklären: ohne Formelwust, aber mit einem echten Rechenbeispiel.

Startwert
1500
für jedes Team
K-Faktor
32
max. Punkte pro Spiel
Heimvorteil
+80
ELO-Punkte rechnerisch
Datenbasis
5 Saisons
chronologisch berechnet

Vom Schachbrett in den Fußball

Das ELO-System hat seinen Namen von Arpad Elo, einem ungarisch-amerikanischen Physikprofessor, der es in den 1960er-Jahren für den Schachweltverband entwickelte. Die Grundidee ist bestechend einfach: Die Stärke eines Spielers - oder eben einer Mannschaft - lässt sich als eine einzige Zahl ausdrücken, die nach jedem Spiel aktualisiert wird. Gewinnt man gegen einen starken Gegner, steigt die Zahl deutlich. Gewinnt man gegen einen schwachen, steigt sie kaum. Verliert man gegen einen Außenseiter, fällt sie umso tiefer. Im Fußball hat sich das Prinzip längst etabliert - von der FIFA-Weltrangliste bis zu den Modellen professioneller Wettanbieter.

Wie unser Modell rechnet

Beim Torakel startet jede Mannschaft mit einem Rating von 1500 Punkten. Danach spielen wir die letzten fünf Bundesliga-Saisons Spiel für Spiel in chronologischer Reihenfolge durch - über 1.500 Partien, deren Ergebnisse wir von OpenLigaDB beziehen. Vor jedem Spiel berechnet das System aus der Punktedifferenz der beiden Teams eine Erwartung: Wie wahrscheinlich ist ein Heimsieg? Dabei bekommt das Heimteam rechnerisch 80 ELO-Punkte extra - das ist unser Maß für den Heimvorteil, der im Fußball statistisch gut belegt ist.

Nach dem Abpfiff wird abgerechnet: Das tatsächliche Ergebnis (Sieg = 1, Unentschieden = 0,5, Niederlage = 0) wird mit der Erwartung verglichen, und die Differenz - multipliziert mit dem sogenannten K-Faktor von 32 - wandert als Punkte-Update auf die Konten beider Teams. Was das eine Team gewinnt, verliert das andere: ELO ist ein Nullsummenspiel.

Ein Rechenbeispiel

Nehmen wir ein Spitzenteam mit 1650 Punkten, das zu Hause gegen einen Aufsteiger mit 1450 Punkten antritt. Mit dem Heimbonus rechnet das System 1730 gegen 1450 - eine Differenz von 280 Punkten, die einer Siegwahrscheinlichkeit von rund 83 % entspricht. Jetzt wird es interessant:

Gewinnt der Favorit, bekommt er nur etwa 5 Punkte gutgeschrieben - der Sieg war ja erwartet. Verliert er dagegen, kostet ihn das rund 27 Punkte, die der Aufsteiger komplett gutgeschrieben bekommt. Selbst ein Unentschieden kostet den Favoriten etwa 11 Punkte. Genau diese Asymmetrie macht ELO so treffsicher: Überraschungen hinterlassen große Spuren, Pflichtsiege kleine. Wer über Monate hinweg stärker spielt, als seine Zahl vermuten lässt, klettert automatisch - ganz ohne dass jemand das Modell von Hand nachjustieren muss.

Warum nicht einfach die Tabelle nehmen?

Die Tabellenposition fließt bei uns zwar ebenfalls ins Modell ein, aber sie hat zwei blinde Flecken. Erstens ignoriert sie die Gegnerstärke: Neun Punkte aus Spielen gegen die drei Kellerkinder sehen in der Tabelle genauso aus wie neun Punkte gegen die Top 3 - im ELO-Rating liegen dazwischen Welten. Zweitens ist die Tabelle zu Saisonbeginn nahezu wertlos: Nach zwei Spieltagen sagt Platz 5 wenig aus, während das ELO-Rating die Historie von fünf Saisons mitbringt. Deshalb ist ELO mit 40 % Gewichtung der stärkste Einzelfaktor unserer Tendenz-Berechnung, vor Tabellenposition (35 %) und Kadermarktwert (25 %). Wie daraus am Ende ein konkreter Spielstand wird, zeigt unsere Seite „So funktioniert's".

Die ehrlichen Schwächen

ELO ist stark, aber nicht allwissend - drei Schwächen muss man kennen. Erstens die Trägheit: Ein Team, das sich im Sommer massiv verstärkt, startet mit dem alten Rating in die Saison. Der Umbruch wird erst nach etlichen Spieltagen sichtbar, weil sich die Zahl nur Spiel für Spiel anpasst. Genau daran ist unser Modell in der Saison 2025/26 bei Hoffenheims Höhenflug anfangs gescheitert - nachzulesen im Saisonrückblick. Zweitens die Aufsteiger: Wer neu in die Bundesliga kommt, hat keine Erstliga-Historie und startet beim Basiswert 1500 - ob das Team eher HSV- oder Heidenheim-Format hat, muss das System erst lernen. Drittens kennt ELO nur Ergebnisse: Ein glückliches 1:0 nach 90 Minuten Dauerdruck des Gegners zählt genauso viel wie ein souveränes 1:0. Deshalb kombinieren wir das Rating mit Form, xG-Näherung und weiteren Faktoren, statt uns blind darauf zu verlassen.

Und bei der WM?

Auch unser WM-Orakel baut auf ELO auf - dort allerdings auf Ratings der Nationalteams, ergänzt um FIFA-Ranglistenpunkte und Kadermarktwerte. Dass Nationalteams deutlich seltener spielen als Vereinsmannschaften, macht die Ratings dort träger; dafür sind die Stärkeunterschiede zwischen den Teams größer, was die Vorhersagen insgesamt leichter macht. Das Ergebnis kannst du in unserem WM-Rückblick 2026 nachlesen.

Kurz gesagt: ELO ist die Gedächtniszahl unseres Modells - sie vergisst nichts, bewertet jeden Gegner fair und korrigiert sich selbst. Wie gut das in Summe funktioniert, dokumentieren wir jede Woche transparent in der Statistik.

TW
Tobias Wilke

Entwickler des Torakels. Baut seit 2022 an dem Vorhersagemodell hinter dieser Seite und wertet jede Saison gegen die echten Ergebnisse aus - auch wenn das Modell mal daneben liegt. Mehr dazu auf der Seite Über uns.